Wer an Diabetes erkrankt ist, muss seinen Blutzucker im Auge behalten – das ist keine Neuigkeit. Neu ist, wie das heute möglich ist: statt schmerzhaftem Fingerstechen ein kleines Pflaster am Oberarm, das den Glukosewert rund um die Uhr misst und die Daten in Echtzeit aufs Smartphone überträgt. Diese sogenannte kontinuierliche Glukosemessung – kurz CGM, vom englischen Continuous Glucose Monitoring – ist in der Diabetesbehandlung längst kein Nischenprodukt mehr. Die Frage, die Mediziner, Kassen und Patienten zunehmend beschäftigt: Wer soll sie bekommen?

Eine Technologie auf dem Vormarsch

CGM-Systeme bestehen aus einem Sensor, der unter die Haut eingeführt wird und den Glukosewert im Gewebeflüssigkeit misst, sowie einer App oder einem Lesegerät zur Auswertung. Anders als die klassische Blutzuckermessung per Lanzette liefern sie nicht einzelne Momentaufnahmen, sondern einen kontinuierlichen Datenstrom – mit Trendpfeilen, Verlaufskurven und optionalen Alarmen bei gefährlichen Über- oder Unterzuckerungen.

Bislang gilt CGM in Deutschland als Standard bei Typ-1-Diabetes und bei Typ-2-Diabetes mit intensivierter Insulintherapie (ICT) – also bei Patienten, die mehrmals täglich Insulin spritzen. Für diese Gruppen übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten. Für alle anderen Typ-2-Patienten – und das sind die meisten der rund neun Millionen Betroffenen in Deutschland – ist die Erstattung bislang die Ausnahme.

Der Vorstoß: CGM für alle Typ-2-Patienten

Genau das will Dr. Jens Kröger, Diabetologe und Vorstandsvorsitzender von diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe, ändern. Er fordert, CGM auch Menschen mit Typ-2-Diabetes außerhalb der Insulintherapie zugänglich zu machen. Sein Argument: Die Technologie liefere nicht nur Messwerte, sondern Biofeedback – also eine unmittelbare Rückmeldung über die Wirkung von Ernährung und Bewegung auf den Blutzucker. Wer in Echtzeit sehe, wie ein Spaziergang nach dem Mittagessen die Glukosekurve abflache, verhalte sich anders als jemand, der diese Zusammenhänge nur aus der Broschüre kenne.

Krögers Aussagen wurden im Rahmen einer Kampagne des Medizintechnikunternehmens Abbott veröffentlicht, das mit FreeStyle Libre den meistgenutzten CGM-Anbieter auf dem deutschen Markt stellt. Er tritt dabei sowohl als medizinischer Experte als auch als Vertreter einer Patientenorganisation auf, die Industriekooperationen unterhält. Das entkräftet seine Argumente nicht.

Was die Forschung sagt

Krögers Position hat inzwischen wissenschaftliche Rückendeckung – wenn auch keine einheitliche. Ein internationaler Konsensbericht in Nature Reviews Endocrinology (April 2024) erarbeitete Belege für den Einsatz von CGM bei allen Menschen mit Typ-2-Diabetes, auch außerhalb der Insulintherapie. Eine Metaanalyse niederländischer Universitätskliniken in Diabetologia (2024) zeigt, dass CGM die sogenannte Time in Range – also die Zeit, in der der Glukosewert im Zielbereich liegt – messbar verbessert und gleichzeitig Phasen mit gefährlich hohen oder niedrigen Werten reduziert. Eine weitere Metaanalyse in Diabetes, Obesity and Metabolism (2025) kommt zu ähnlichen Ergebnissen und bewertet CGM bei nicht-insulinpflichtigen Typ-2-Patienten als kosteneffektiv.

Nicht alle Fachkreise ziehen dieselben Schlüsse. Die American Academy of Family Physicians hält CGM bei Typ-2-Diabetes noch nicht für reif zur flächendeckenden Einführung und bemängelt, dass robuste Daten zur Kosteneffektivität im deutschen Versorgungskontext fehlen. Ein Harvard-Experte formulierte es noch pointierter: Als Schutz vor schweren Unterzuckerungen – einem der Hauptargumente für CGM bei Typ-1-Diabetes – brauche die große Mehrheit der Typ-2-Patienten die Technologie schlicht nicht, da ihr Hypoglykämierisiko deutlich geringer sei.

Auf der Jahrestagung der American Pharmacists Association (2025) wurde zudem ein strukturelles Problem benannt: CGM entfaltet seinen Nutzen nur dann, wenn Patienten die Daten aktiv für Verhaltensänderungen nutzen. Wer das nicht tut, profitiert kaum. Fachleute plädierten daher für einen zielgerichteten Einsatz bei spezifischen Risikogruppen statt für eine Universalempfehlung.

Für wen – und zu welchem Preis?

Die eigentliche Frage, die die Forschung noch nicht abschließend beantwortet hat, lautet also nicht ob CGM bei Typ-2-Diabetes wirkt, sondern bei wem und unter welchen Bedingungen. Menschen mit schlechter Glukoseeinstellung, geringer Therapietreue oder ausgeprägtem Lebensstil-Potenzial scheinen eher zu profitieren als Patienten, deren Werte bereits stabil sind.

Kröger selbst räumt ein, dass ein intermittierender Einsatz – etwa einmal jährlich bei Neudiagnose oder gezielt bei Therapieanpassung – ein sinnvoller Kompromiss sein könnte. Eine flächendeckende Erstattung für alle neun Millionen Typ-2-Patienten in Deutschland hätte erhebliche Konsequenzen für das Gesundheitssystem – eine gesundheitsökonomische Gesamtbewertung für den deutschen Markt steht bislang aus.

Cookie Consent mit Real Cookie Banner